Lasst uns anmutig bleiben!

 

Jahrbücher und Ratgeber für Mädchen

 

 

"Übermorgen beginnt die erste Tanzstunde. Wie es da wohl zugeht? Ob ich mir die Haare hochkämme oder sie lasse wie jetzt? Wie ich mich den jungen Herren gegenüber wohl benehmen muss? Und wenn ich nur wüsste, über was man sich mit ihnen unterhält? - Ach, schön wird es schon werden, aber, wenn ich nur wüsste?"

Diese, und viele andere Fragen haben sicher schon so manchem jungen Mädchen schlaflose Nächte bereitet. In den 50er Jahren, einer Zeit, in der die Ratgeberliteratur in Deutschland Hochkonjunktur hatte, gab es natürlich auch Bücher, die sich ausgiebig mit den Problemen pubertierender Mädchen beschäftigten.

 

Mit etwas Glück fand die angehende junge Dame einen entsprechenden Ratgeber, wie etwa "Das Tanzstundenbüchlein" oder "Von morgens bis abends" unter dem Weihnachtsbaum.

Ratschläge für alle Lebenslagen versprachen auch Jahrbücher wie "Meine Welt" oder "Wir Mädchen". Die waren freilich in den fünfziger Jahren nichts spezifisch Neues. In der Beziehung verhielt es sich mit den Ratgebern und Jahrbüchern ähnlich, wie bei den Romanreihen um "Elke", "Pucki" oder "Nesthäkchen". Ein großer Teil dieser Mädchenbücher war schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts oder während der Weimarer Republik entstanden, und wurde nach dem Krieg neu aufgelegt; teilweise in neuer Ausstattung, oft jedoch völlig unverändert.

Vielleicht rührt der große Erfolg, den sie bis weit in die 60er Jahre hatten, sogar daher, dass die Müttergeneration gern und bedenkenlos Bücher verschenkte, mit denen sie selbst aufgewachsen war.

Aber nicht nur die Romane um "Elke" und "Försters Pucki" konnten damals schon auf ein Stück Geschichte zurückblicken. Auch die Jahrbücher und Ratgeber für Mädchen waren keine Neuerfindung der 50er Jahre. Wenn man es genau nimmt, sind sie - von heute an gerechnet - gut und gerne 200 Jahre alt, denn ihr Ursprung liegt in der Zeit der bürgerlichen Aufklärung. Der damals entstehende Literaturmarkt brachte nicht nur die Illustrierte und den modernen Unterhaltungsroman hervor, sondern war auch die Wiege der Ratgeber- und Jugendliteratur.

Sehr bald entstanden damals Bücher, die speziell für eine weibliche Leserschaft gedacht waren. Bürgerliche Frauen machten nämlich einen überwiegenden Teil des Lesepublikums aus. Deren Lesebegeisterung, die -glaubt man zeitgenössischen Berichten- nicht selten in eine regelrechte Lesewut ausartete, beeinflusste natürlich auch die Entwicklung des Buch- und Zeitschriftenmarktes und seiner Themenangebote. Für das Lesefieber, das damals überwiegend Frauen der wohlhabenden bürgerlichen Schicht erfasste, gibt es verschiedene Gründe. Zum einen waren die Frauen aus dieser Gesellschaftsklasse wahrscheinlich die einzigen, die über die entsprechende Bildung und vor allem über die Zeit zum Lesen verfügten. Zum anderen blieb der Alltag gutsituierter Bürgerinnen in der Regel auf häusliche Aufgaben beschränkt. Die Lektüre von Zeitschriften, Romanen und Sachbüchern schuf einen gewissen Ausgleich, indem sie einerseits praktische Ratschläge zur Haushaltsführung gab, andererseits aber auch Möglichkeiten zum Träumen bot, indem sie - zum Beispiel durch Romane - einen Blick auf die verwehrte 'große Welt' möglich machte.

Die ersten Schriften für Frauen und Mädchen hatten vorwiegend erbaulich-lehrhaften Charakter, das heißt sie boten eine Mischung aus, Gedichten, besinnlichen Prosatexten und theologischen Unterweisungen. Zu diesen 'Haus-' oder 'Lebensbücher' genannten Sammlungen kamen romanhafte Darstellungen weiblicher Gestalten, die entweder durch tugendhaften Lebenswandel zum großen Glück gelangten, oder - wenn ihnen nicht die große Umkehr gelang- durch unmoralisches Verhalten ins Verderben gerieten. Wie sich bereits ahnen lässt, waren in all diesen Schriften von vorneherein Unterhaltung und erzieherische Absicht vermischt. Sie sollten nicht nur zur Information und Zerstreuung ihrer Leserinnen dienen, sondern ihnen gleichzeitig Leitbilder für tugendhafte Weiblichkeit nahe bringen.

Speziell für junge Mädchen konzipierte Bücher erschienen zum ersten Mal in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts auf der Bildfläche: Der erste uns bekannte Titel ist eine "Sittenlehre für junge Frauenzimmer", die 1774 in Leipzig erschien. Fünf Jahre später wurde ein ähnliches Werk in 4 Bänden "Sittenlehre für Hamburgs Töchter" gedruckt. Es folgte eine ganze Reihe derartiger Bücher, von denen ich hier nur noch eines wegen seines amüsanten Titels erwähnen möchte. Es erschien 1785 und hieß "Mamsell Fiekchen und ihr Vielgetreuer, ein Erbauungsbüchlein für gefühlvolle Mädchen".

Es dauerte jedoch noch rund hundert Jahre bis Zeitschriften und Bücher zum Massenmedium im eigentlichen Sinne wurden. Erst von der 'Gründerzeit' an hatten nämlich breitere, Bevölkerungsschichten Zugang zur Literatur; zum einen deshalb, weil sie nun über ein gewisses Einkommen und ein Minimum an Freizeit verfügten, zum anderen weil Druckerzeugnisse nun erheblich billiger hergestellt werden konnten. Außerdem war erst zu dieser Zeit der Analphabetismus in Mitteleuropa weitgehend beseitigt.

Im Jahre 1876 erschien im Union Verlag Stuttgart der erste Band von "Der Jugendgarten. Eine Festgabe für die deutsche Jugend". Inhalt dieses von Ottilie Wildermuth herausgegebenen Jahrbuches waren "Erzählungen ernsten und heiteren Inhalts, Gedichte und Unterweisungen aus Natur, Haus und Geschichte, Beschäftigungen, Sport und Spiele".

Der "Jugendgarten", der zu Beginn des 20. Jahrhunderts den neuen Untertitel: "Eine Festgabe für junge Mädchen" erhielt, wurde - nebst gleichnamiger Zeitschrift- durchgehend von 1876 bis 1942 weitergeführt. Nach einigen Jahren Pause wurde die Reihe der Jahrbücher 1950 fortgesetzt und erhielt nach 1958 den Titel "Wir Mädchen. Ein buntes Buch für das ganze Jahr".

Außerdem brachte der Union-Verlag (in dem seinerzeit auch die berühmte "Gartenlaube" erschien) ab 1889 noch eine weitere Wochenschrift für Mädchen, "Das Kränzchen", mit entsprechendem Jahrbuch heraus. Von 1935 an (also ab Band 47) wurden Titel und Inhalt der herrschenden Ideologie angepasst; und bis zum Band 56, der 1944 herauskam, lautete der Titel nun: "Wir Mädel. Sport, Kameradschaft, Fröhlichkeit und ernstes Wissen".

Mit Band 57, der 1952, also nach langer Unterbrechung erschien, versuchte man - auch beim Titel - nahtlos an die Vorkriegszeit anzuknüpfen. Dieser Folgeband hieß nämlich "Das neue Kränzchen" wurde allerdings schon vom nächsten Jahr an als "Meine Welt. Ein Jahrbuch für Mädchen" weitergeführt. Mit Erscheinen von Bd. 70 wurde die Reihe "Meine Welt" 1966 endgültig eingestellt.

Mein weiter Griff in die Vergangenheit geschah nicht ohne Grund: Beim Betrachten und Durchlesen der Mädchenbücher aus den 50er Jahren habe ich mich bemüht, herauszufinden, ob das populäre Mädchenjahrbuch, wie es im späten 19. Jahrhundert begonnen hat, und über die Zeit des Nationalsozialismus fortgesetzt wurde, im Laufe der Jahrzehnte - insbesondere nach 1945- entscheidende Veränderungen erfuhr, oder ob Formen und Inhalte weitgehend gleich blieben.

Werfen wir doch dazu einfach einen Blick in die verschiedenen Ausgaben:

Band 44 von "Der Jugendgarten" enthielt 1919 unter anderem die Themen: "Mutters gute Hausgeister", "Vom Mädchenturnen", "Wattepusten - ein Spiel", "Albumverse", "Rätsel", "Hilfe in der Schneiderstube", "Aufbewahrung von Steinobst" und "Vom Flachsfeld zum Spinnrad".

"Meine Welt. Ein Jahrbuch für Mädchen" bot seinen Leserinnen im Jahr 1960: "Am seidenen Faden - wir nutzen, was die Natur uns schenkt", "Morgen gebe ich eine Gartenparty", "Wir tragen wieder Hüte. Wissenswerte Tipps für junge Damen" und "Rund um ein berühmtes C. Wir können ohne diesen Stoff nicht leben".

Dies kurze Beispiel kann durchaus als exemplarisch gelten; woraus ersichtlich ist, dass der Prototyp des Mädchen-Jahrbuches, wie er um die Jahrhundertwende mit "Jugendgarten" und "Kränzchen" geschaffen wurde, nicht nur in seiner Grundkonzeption -einer Mischung aus unterhaltsamen und belehrenden Texten- sondern auch in der Auswahl der Themen über Jahrzehnte gleich blieb. Zwar traten im Laufe der Zeit an die Stelle von Liedern und Gedichten mehr Informationen über Mode, Kosmetik und Freizeit, der 'erzieherische Anspruch' blieb jedoch unverändert; egal ob aus 'Backfischen' tugendhafte Frauenzimmer, oder aus 'Teenagern' kultivierte Damen werden sollten.

Wahrscheinlich blieb gerade deshalb auch der Personenkreis gleich, der diese Bücher erwarb: in der Regel waren es wohl Mutter, Tante oder Großmutter, die sie kauften, um sie an Tochter, Nichte oder Enkelin zu verschenken. Handschriftliche Widmungen in vielen Exemplaren - in den hier erwähnten steht zum Beispiel: "Zur Erinnerung an Deine Oma Martha, Lindau, Weihnachten 1953", oder: "Liebe Karin! (...) sicher weißt Du manches noch nicht. Viel Spaß! Weihnachten 1957. Mutti" - machen das sehr deutlich.

Die erzieherischen Absichten sollten dabei natürlich nicht zu sehr ins Auge fallen. Was sich nämlich im Laufe der Jahre tatsächlich veränderte, war der Ton, mit dem die jungen Leserinnen angesprochen wurden. Während die älteren Bücher eher den Charakter von Schulbüchern hatten, mühten sich die Autorinnen und Autoren der 50er Jahre redlich, nicht allzu 'belehrend', sondern modern und aufgeschlossen daherzukommen. "Bevor du dieses Büchlein liest“, schreibt die Autorin von "So kleidet sich Annett", "möchte ich gern mit dir Freundschaft schließen und dir als Freundin einige Ratschläge geben....". Ilse Demmler, Herausgeberin des Mädchenbuches "Der goldene Ball", beteuert in einem einleitenden Brief an die Leserin: "Liebe Monika, es gibt Menschen, die um Dich und Deine Probleme wissen. Einige haben sich zusammengetan, um Dir den "goldenen Ball" zu schenken. Sei bitte außer Sorge, es ist niemand mit erhobenem Zeigefinger - sie erinnern sich noch viel zu deutlich an die Zeit, als es ihnen genauso erging wie Dir."

Blättert man mehrere Jahr- und Sachbücher für Mädchen aus den 50er Jahren durch, dann lässt sich unschwer feststellen, dass bestimmte Themen bevorzugt aufgegriffen wurden. In nahezu jedem Jahrbuch sind beispielsweise Vorschläge zum Basteln und zur Gestaltung des eigenen Zimmers vorhanden. Ratschläge zu Mode und Kleidung fehlen nirgends; oft gehen sie mit Hinweisen zu 'Haltung' und gutem Benehmen Hand in Hand. Tiere und Pflanzen (besonders Haustiere und Balkonpflanzen) erfreuen sich gleichfalls großer Beliebtheit. Stets vorhanden sind auch Geschichten über das Leben von Frauen und Mädchen in fremden Ländern.

Auffällig ist, dass sich nahezu alle Themen auf den unmittelbaren Bereich, sozusagen auf den Wirkungskreis der künftigen Hausfrau und Mutter beziehen. Werden naturwissenschaftliche oder technische Zusammenhänge erklärt, dann geht es ausschließlich um Dinge, die auf irgendeine Art und Weise mit dem Haushalt, also mit der 'Welt der Frau' zu tun haben. So werden etwa die Geschichte des Kaffees und der Kartoffel dargestellt, oder es geht um die Entdeckung der Vitamine, den Fortschritt durch Tiefkühlkost und die Frage, wie und wo Teppiche und Puderquasten hergestellt werden.

Angenehm ist mir aufgefallen, dass ab und zu doch noch 'aktuellere' Themen vorkommen. Insbesondere in den "Meine Welt"- Jahrbüchern gibt es auch Ratschläge zum Camping, Fotografieren, und in fünf der von mir durchgesehenen Bücher habe ich Kapitel gefunden, die sich ausführlich mit der Jazzmusik befassen.

Generell dominieren jedoch 'häusliche' Themen. Sie lenken die Leserin in die 'Nahwelt' von Haushalt und Familie, auch wenn diese mitunter in die 'gute alte Zeit' verlegt wird.

Zu allen Mädchen(jahr)büchern gehören außerdem Kapitel, die sich mit der anstehenden Berufswahl der Leserin beschäftigen. Offensichtlich war es damals der Wunschtraum vieler Mädchen, Mannequin, Filmstar oder Stewardess zu werden. Diese 'Traumberufe' werden oft und ausführlich beschrieben, dabei aber als wenig erstrebenswertes, unrealistisches Berufsziel geschildert. In "Der goldene Ball" heißt es zum Beispiel: "Einige besonders bemerkenswerte Berufe, die sich viele erträumen, haben wir einmal kurz umrissen. Der sachliche Überblick wird am besten zeigen, wie viele falsche Vorstellungen darüber in unseren Köpfen herumschwirren. Wer glaubt, dass sich die Tätigkeit einer Flugstewardess darin erschöpft, über allem Irdischen zu schweben, mit Märchenprinzen gepflegte Konversation zu treiben, hier einen Cocktail zu mixen, hat nur sehr verworrene Vorstellungen von einem Beruf, der zu den anstrengendsten überhaupt gehört.“ Empfohlen werden hingegen "die hauswirtschaftlichen und pflegerischen Berufe, (...) Diätküchenleiterin, Wohlfahrtspflegerin oder Fürsorgerin". Nicht überall sind die Empfehlungen derart einseitig gelagert. In der Regel wird jedoch eher zu Berufen mit kurzen Ausbildungszeiten (und geringen Ausbildungskosten) geraten; meist sind es Assistenzberufe. Denn eines sollte die angehende junge Frau keineswegs vergessen: "Die Ehe soll immer das ersehnte Ziel eines Mädchens bleiben. Eine Frau, eine Mutter zu werden, ist der eigentliche weibliche Beruf, ja eine Berufung in des Wortes tiefster Bedeutung."

Das letzte Zitat stammt übrigens aus "Von Tag zu Tag. Das Große Mädchenbuch" von Rosemarie Schittenhelm. Dieser Ratgeber für 15 bis 17jährige Mädchen, erschien erstmals 1954 bei der Francke’schen Verlagshandlung Stuttgart und wurde bis 1973 aufgelegt. Dieses Buch ist ein besonders typisches Beispiel für die Mädchenliteratur der Wirtschaftswunder-Ära; ebenso wie die Jahrbücher beinhaltet es eine Zusammenstellung verschiedenster Themen. Erzählungen und Gedichte sind keine vorhanden, stattdessen werden die einzelnen Sachthemen in kleine Geschichten verpackt. Die Verlagswerbung versprach damals der jungen Leserin: "Wenn du dieses Buch besitzt, wirst du über alle deine großen und kleinen Probleme leicht hinwegkommen." Die Autorin Rosemarie Schittenhelm war unmittelbar nach dem Krieg Schriftleiterin der "Zukunft" gewesen, einer Jugendzeitschrift, die zum Bestandteil des Re-education-Programms der Besatzungsmächte gehörte. Die Beweggründe zur pädagogischen 'Aufbauarbeit' an der deutschen Jugend formulierte sie 1948 so: "Da sind die 'Jungen', die 14 Jahre in ihrer Entwicklung zu kurz gekommen sind, weil sie nach einer bestimmten Façon gedrillt wurden, ohne die Möglichkeit zu haben, das zu lernen, was in jener Zeit der biologischen Jugend gelernt werden will und gelernt werden soll. Dann kam der Krieg, der verhinderte, dass diese Generation den normalen Anschluss an das Berufsleben fand. Nun ist sie vor die Aufgabe gestellt, diese Entwicklung nachzuholen."

Von diesem Konzept ist allerdings in "Von Tag zu Tag" (und den anderen, von ihr verfassten Mädchenbüchern) wenig zu spüren, denn es enthält all die klassischen Themen, die schon knapp 80 Jahre zuvor im "Jugendgarten" enthalten waren: "Lasst uns anmutig bleiben!", "Die Waffen der Schönheit", "Mit Schere, Nadel und Metermaß", "Zauber des Kochtopfes", "Vasen und Blumen" und "Turne dich schlank und schön". Zur Frage der Sexualität gibt die Autorin lediglich folgenden Rat: "Lasse dich nicht hinreißen von verwirrten Gefühlen, sondern spare dich auf für den Menschen, mit dem du gemeinsam den langen Weg wandern willst, um das Leben weiterzutragen." 

Wortreich umgangen werden hier aber nicht nur die prekären Fragen nach Liebe und Sex. Alles, was entfernt mit dem Weltgeschehen oder gar Politik im eigentlichen Sinne zu tun hat, bleibt - wie bei den meisten Mädchenbüchern - konsequent ausgespart.

Interessanterweise erschien wenig später beim selben Verlag "Für jeden Tag. Das große Jungenbuch" 1958 das von Georg Kleeberg herausgegeben wurde, und in seiner Aufmachung und Gestaltung das genaue Pendant zu "Von Tag zu Tag" darstellte. Das "Jungenbuch" erlebte allerdings nur eine Auflage, was vermuten lässt, dass es wenig Anklang fand. Es ist ziemlich aufschlussreich, einmal die Themenangebote dieser beiden Bücher miteinander zu vergleichen. Rubriken wie Schenken, gutes Benehmen, korrekte Kleidung, Körperpflege, Reisen und Kochen (!) sind in beiden enthalten. (Zum Thema Sexualität empfiehlt man der männlichen Jugend: "Bringt euch nicht in die Lage, plötzlich für etwas verantwortlich zu sein, dessen Folge für eure berufliche, seelische und geistige Entwicklung nicht abzusehen sind.")

Kapitel wie "Die Versicherung", "Die Steuer" und "Die schwere Schule der Politik" kommen ausschließlich im "Jungenbuch" vor.

Mir fällt in diesem Zusammenhang eine Studie aus dem Jahr 1960 ein, die ich kürzlich gelesen habe; es ging darin um die Ausbildungs- und Berufschancen von Frauen in den 50er Jahren. Die Autorin äußerte sich damals sehr kritisch über die schon im Elternhaus beginnende Ungleichheit der Erziehung: "Die Jungen werden von Kindesbeinen an darüber belehrt, was sie tun sollen; den jungen Mädchen wird eingehämmert, wie sie einmal sein sollen (...) Die traditionelle Erziehung erschließt dem jungen Mädchen nur 'seine' Welt, dem jungen Manne 'die' Welt".

Ich denke, dass die Titel der Hefte und Jahrbücher hier für sich selbst sprechen; es ist sicher kein Zufall, dass eine Mädchenzeitschrift "Meine Welt" hieß, während überwiegend für Jungen konzipierte Hefte Titel wie "Das Neue Universum" oder "Kosmos" trugen.

Während das Konzept der Jahrbücher aus einer Mischung verschiedener Themen und Literaturgattungen bestand, gab es zu einzelnen Bereichen auch spezielle Ratgeber. Insbesondere die Franck’sche Verlagshandlung Stuttgart hatte viele Mädchen-Ratgeber zu allen möglichen Themen im Angebot. Als wichtigste Autorin ist hier ebenfalls Rosemarie Schittenhelm zu nennen. Sie verfasste unter anderem das "Tanzstunden Büchlein", "Von morgens bis abends" und "Man wird Dich lieber haben". Alle drei genannten Schriften waren in erster Linie Anstands- und Benimmbücher, die auf die spezifische Situation 13- bis 18jähriger Mädchen zugeschnitten waren. Zum Thema Handarbeiten war von der Autorin außerdem ein Bändchen mit dem Titel "Flinke Nadeln" zu erwerben. "Mit Schere, Nadel, Nähmaschine" von Ilse Bening bot, wenngleich im lockeren Plauderton gehalten, eine solide Einführung in die Kunst der Schneiderei. Wer sich über "Kleine Geschenke selbst gebastelt" informieren wollte, konnte dem gleichnamigen, von Lore Puschert herausgegebenen Band zahlreiche Tipps entnehmen.

Ähnliche Bücher kamen in zahlreichen anderen Verlagen heraus; so zum Beispiel im Stuttgarter Boje-Verlag. Von der Autorin Maxi Moll stammte 1956 eine Art moderner Knigge für junge Mädchen mit dem Titel: "Wenn ich wüsste, wie...“ In ähnlicher Aufmachung erschien ein Band von Annemarie Fromm-Berchem mit dem Titel: "Jeder hat mich gern". In der Verlagswerbung hieß es: "Sicher möchtet ihr doch auch wissen, was ihr tun könnt, um einen eigenen Stil zu finden, sowohl im Äußeren, also in Aussehen, Kleidung und Wohnraum, als auch in eurem Auftreten, in eurem Wesen. Denn nicht wahr, ihr macht zwar gern mit, was Mode ist, aber ihr wollt euch doch auch von den anderen Mädchen unterscheiden."

Auch durch die Sachbücher für Mädchen - gleichgültig, ob sie von Kosmetik, Tanzstunde, Fotografieren oder Basteln handeln - ziehen sich durchweg pädagogische Absichten, die über das beschriebene Gebiet hinausgehen. Es geht dabei nicht nur eine Verinnerlichung der Frauenrolle, sondern um die Lebenshaltung und -führung an sich. Konsumanreize - in der Art, wie sie die heutige Jugendkultur prägen - wird man zum Beispiel in all diesen Jahr- und Sachbüchern vergeblich suchen. Stattdessen werden die jungen Mädchen sehr früh zu Sparsamkeit und wirtschaftlichem Denken angehalten. Die viel gelobte Tugend der 'Improvisation' soll oftmals dazu dienen, finanzielle Beschränkungen zu kaschieren. Im Einrichtungsratgeber "Das eigene Reich" heißt es etwa: "Natürlich meinen wir nicht, dass du dir alles kaufen sollst, was auf der Wunschliste steht. Selbst erfinden oder aus Vorhandenem Umbauen macht ja viel mehr Freunde."

Ich glaube, dass der 'Geist' der Mädchenbücher gerade in diesem Punkt ein Stück der damaligen Realität und ihren Notwendigkeiten wiedergibt. Ein eigenes Mädchenzimmer war eben in den 50er Jahren bei weitem keine Selbstverständlichkeit, und wer sich mit mehr 'Improvisation' als Geld eine Dachkammer gestalten, oder das Kleid zur Tanzstunde selberschneidern konnte, war sicher gut beraten.

 

Schaut man sich die Ratgeber und Jahrbücher für Mädchen aus den 50er Jahren genauer an, wird schnell deutlich, dass sie trotz moderner Aufmachung und lockerem Plauderton dieselben erzieherischen Absichten vertreten, die schon um die Jahrhundertwende den "Jugendgarten" prägten.

Im Klappentext von "Meine Welt" heißt es zwar 1958: "Für falsche Träumereien, für eine längst verflossene Backfischromantik hat dieses zeitnahe Buch ebenso wenig Sinn und Raum wie das moderne Mädchen, das so selbstbewusst und aufgeschlossen dem Leben und seiner Zeit gegenübertritt." Im Grunde dienten die Bücher jedoch nach wie vor dazu, ihren Leserinnen die 'eigentliche' Bestimmung der Frau - nämlich die Rolle der Ehefrau und Mutter zu vermitteln. Wer in der damaligen Literatur für junge Leserinnen nach einem andersgearteten, moderneren Mädchen- oder Frauenbild sucht, wird (ebenso, wie in den Romanen) nur wenige Ansätze finden.

Darüber hinaus bleibt jedoch die Frage, ob die Mädchenbücher mit ihren Themen, Geschichten und Ratschlägen tatsächlich auf die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Leserinnen eingingen, oder ob sie nicht vielmehr bestimmten, welche Themen für Mädchen einer bestimmten Altersklasse geeignet wären. Die Autoren von "Meine Welt", "Der Goldene Ball", "Frohe Jugend" und vielen weiteren Büchern behaupteten, "jene oft missverstandene und missdeutete, eigentümlich reizvolle Welt der Teenager" zu kennen und "ihr liebevoll verstehend zugetan" zu sein. Fest steht aber auch, dass sie die Mädchen, die sie ansprechen wollten, nach ihren eigenen Vorstellungen konstruierten. Die erzählte 'Wirklichkeit' sollte immer in einem höheren Sinne verstanden werden. In der Einleitung von "Meine Welt" Band 59 (1954) formuliert es der Herausgeber so: "Ich zeichne dir, leider nur mit Worten, ein Bild des jungen Mädchens, wie du eines bist. Aber nicht so, wo du sich selbst siehst, sondern wie wir dich sehen und empfinden..."